Wenn der liebe Sohn im Supermarkt den Leuten im Weg steht, sage ich nicht: «Mach mal Platz!» Ich lasse ihn in Ruhe. Ignoriere, dass er «im Weg» steht. Niemals würde ich mich dafür entschuldigen. Im Gegenteil: Ich mag es, die Leute etwas zu nerven. Zu quälen. Zu ärgern. Alle sind sie in Eile, klar. Aber die Leute stehen ja selbst oft genug im Weg herum und behindern mich. Nun ist es an der Zeit, Rache zu nehmen!
Also lasse ich den lieben Sohn gewähren, er kann durch den Supermarkt streifen, wie es ihm beliebt. Es ist ihm ja vollkommen egal, ob er im Weg steht. Das beneide ich: diese sorglose «Ignoranz». Ich hingegen achte stets übertrieben darauf, niemandem den Weg zum Schnaps zu versperren. Also stehe ich am Rand, wenn ich die Waren beäuge, wenn ich die Tiefkühlwaren mit meinen regulären Augen scanne. Erst, wenn ein Zugriff erfolgen soll, trete ich rasch an das Regal heran und greife das gewünschte Produkt.
Natürlich stehe ich trotzdem ständig im Weg, aber das ist nicht zu vermeiden. Die Supermarktkunden sind nämlich wahnsinnig, allesamt sind sie verrückt und oftmals gemeingefährlich. Sie gehören gekeult. Wie bitte? Nun ja, ich stehe zum Beispiel beim Käse und möchte in zwei Sekunden zugreifen, sodann taucht aber ein Wahnsinniger auf und denkt: Aber ich will da jetzt sofort auch hin, weg da! Stößt mich zur Seite und schnauft. Grapscht nach dem Käse, hält dann aber inne und überlegt laut: «Brauche ich denn Käse?»
Neulich stand der liebe Sohn verträumt mitten im Gang herum, und da kamen gleich mehrere Leute mit ihren Einkaufswägen angebrettert. Die Frau ganz vorn war sichtbar in Eile – und ihre Gesichtszüge entgleisten, als ihr klarwurde, dass ein Kleinkind im Weg herumstand und der anwesende Vater sein Maul nicht aufreißen würde, um es zur Seite zu brüllen: «Jetzt mach der Dame aber mal Platz, du Lümmel!»
Ich tat stattdessen so, als wäre ich mir dieses Umstandes gar nicht bewusst. Studierte scheinbar die Brühwürfel. Heimlich genoss ich aber, dass die Frau sichtbar litt. Sie musste warten, mehrere Sekunden sogar, bis sich der liebe Sohn zufällig zur Seite bewegte und versehentlich Platz machte. Schade eigentlich. Die Frau passierte uns grummelnd und schnaufend. Ich bewarf sie spaßeshalber mit einer Dose.
Wenn die Nachbarn um 0:40 Uhr saugen, sind sie im Weihnachtsstress: Die Bude muss glänzen, wenn die Verwandten kommen. Saugen, schrubben, umräumen. Da rumpelt es, da poltert es, da wird bis knapp 2 Uhr hart gearbeitet. Dann ist auch schon Mittwoch, der Tag von Heiligabend. Blauer Himmel, die Sonne scheint, aber es ist bitterkalt. Allmählich kehrt nun Ruhe ein, die Straßen leeren sich, die Bäcker schließen, ebenso die Supermärkte.
In diesem Jahr muss ich nicht am 24. einkaufen gehen – eigentlich schade, es war eine Art Tradition. In diesem Jahr hat der Rewe-Lieferservice alles Nötige gebracht, es war eine kleine Bescherung im Treppenhaus, nur den Rotkohl gab es leider nicht, weshalb wir gestern doch noch im Supermarkt waren, aber eben nicht am 24. Dezember. Jetzt packe ich noch geschwind die Geschenke ein. Ho, ho, ho.
Es ist ganz kalt geworden. Vor mir läuft eine Frau, die an einer Laugenstange knabbert. Deren Verpackung hält sie noch in der Hand – dann lässt sie die Tüte einfach fallen. Sie liegt nun auf dem kalten Boden. Die Tüte ist aus Papier und Plastik. Der Frau ist das egal, wie es Rauchern egal ist, wenn sie ihre Zigarettenstummel auf den Boden schmeißen. Die Frau wirft dann noch ihre angefressene Laugenstange weg, also nicht in den Müll, sondern auch auf den Boden. Egal.
In der U-Bahn-Haltestelle darf man nicht rauchen, die Frau im Pelzmantel tut es trotzdem. Sie ist stark geschminkt, sie ist eine feine Dame mit auffälliger Brille. Sie genießt das Leben und das ein oder andere Glas Likör. Es ist ein schönes Leben, das sie lebt. Eine Ebene tiefer raucht eine andere Frau, aber ganz verstohlen einen braunen Stinker. Egal.
An der Kreuzung parkt ein Mercedes, der parkt dort fast jeden Abend. Er darf es aber nicht, das Parken im Kreuzungsbereich ist verboten, wie einem die Fahrschule lehrt. Dem Mercedes-Fahrer ist das aber egal: Er hat einen tollen Premium-Parkplatz gefunden, deshalb steht er da allabendlich, trotz der Strafzettel, die regelmäßig unter seinem Scheibenwischer klemmen. Die paar Euro sind dem Fahrer egal, wahrscheinlich sind die Strafen günstiger als die Miete für eine Garage hier im Stadtteil. Dass im Ernstfall ein Löschfahrzeug nicht um die Kurve kommt: egal.
Seit einigen Tagen funktionieren die Klingeln nicht mehr. In dem Gebäude befinden sich eine Kita, ein Beratungsangebot für Flüchtlinge, Büros und einige Wohnungen. Dass die Klingel nicht klingelt, stört offenbar niemanden. Nicht einmal ein Zettel weist auf den Umstand hin, weshalb immer wieder Menschen vor der Tür stehen und sich wundern, dass ihnen niemand öffnet. Gelangt man irgendwie doch ins Treppenhaus, stinkt es immer noch nach Scheiße. Vor einigen Wochen hat ein Obdachloser vor die Haustür geschissen und die Menschen sind durch seine Scheiße gelatscht und haben sie im ganzen Treppenhaus verteilt. Egal.
Der Mann raucht im Gehen. Dann bleibt er stehen, denn er hat die Zigarette aufgeraucht. Den Stummel lässt er auf den Boden fallen und tritt die Kippe aus. Immerhin. Der Mann setzt seinen Weg fort und betritt die Weinhandlung. So wie er machen es viele Raucher: Der Stummel landet auf dem Boden. Auf dem Fußweg, auf der Straße – und manchmal auf dem Waldweg. Egal.
(Wird fortgesetzt.)
Regen, viel Regen. Wir sind unterwegs zur Kita, der liebe Sohn und ich. Eine Viertelstunde dauert der Weg, und es regnet immer stärker. Ist ja gut für die Pflanzen, denke ich, wünsche mir zugleich aber Sonnenschein. Als wir endlich ankommen, hört der Regen prompt auf.
Mittags muss ich den lieben Sohn früher als geplant abholen, da regnet es schon wieder. Und es hört auf, als wir zu Hause ankommen. So ein Tag ist das, so ein Dienstag. Irgendein Dienstag.
Zwischendurch arbeite ich, zum Glück im Homeoffice, da hacke ich eine Menge Buchstaben in die Tastatur. Wichtig ist, flexibel zu bleiben, denn planen kann man nichts. Zeitweise keinen einzigen Tag im Voraus; die Betreuung bleibt ein Glücksspiel. Ob alle mitmachen. Ob alle gesund bleiben. Oder ob am Ende alles zusammenkracht.
Es brennt. Mein kleiner Finger steht in Flammen. Aber nur sinnbildlich: Es ist keine spontane Selbstentzündung, die mir widerfuhr, nur ein gewisses Pech, denn ich erwischte mit der Hand eine Wespe – und die stach prompt zu. So ist das nun. Mein Körper reagiert verstimmt und mit einer allergischen Reaktion. Oh.
Die Frau am Ende der Leitung ist recht genervt und schlecht gelaunt, nun ja, ich solle in der Bereitschaftspraxis vorbeischauen, in Celle, im Krankenhaus. Die 116117 hilft, wenn Hausärzte schon Feierabend haben, der «Notfall» das Leben aber nicht akut bedroht (sonst: 112). Ich stelle mir vor, dass da viele seltsame Leute anrufen. Ich wäre auch mies gelaunt, zumal heute Freitag ist.
weiterlesenLanges Wochenende in Lüneburg; ich bin 40 geworden. Wir wohnen in einer Wohnung in der Johannisstraße, in der putzige Häuser stehen, die urgemütlich wirken – vor allem das Haus gegenüber, in dem offenbar ein junges Paar mit Kind wohnt. Sie haben Freunde da, sie sitzen gemeinsam am großen Tisch und reden. Ich bin der Stalker von gegenüber, der sie sozusagen beobachtet. Es geht fast nicht anders: Die Häuser stehen allesamt eng beieinander – wenn ich also aus dem Fenster schaue, schaue ich unweigerlich in deren Haus, das schön beleuchtet ist.
Als wir am Donnerstag ankommen, müssen wir einkaufen. Es ist heiß, die Sonne brennt. Wir überqueren einen grauen Parkplatz, auf dem Fußgänger nicht sein sollen. Nur Autos, überall Autos. Städte sind einfach nicht für Hitze ausgestattet – es gibt kaum Schatten, manchmal nur zufällig. Alles ist betoniert und versiegelt. Auf diesem Parkplatz gibt es einen Denn’s neben Aldi, es wird quasi ein Bogen gespannt, von billig bis Bio. Wir kaufen ein Abendessen und essen es später an unserem runden Tisch.
In Lüneburg gibt es ein tolles Café: das Bell and Beans. Der Flat White dort ist köstlich. Sowieso hat Lüneburg erstaunlich viele Cafés, in denen ich den ganzen Tag herumsitzen möchte, um zu lesen. Aber das geht nicht, denn der liebe Sohn möchte noch auf den Spielplatz und durch die Gegend laufen und irgendwo hochklettern. Mittagessen im Zwei Lieben: Dort servieren sie neapolitanische Pizza. Ein Gast hatte sich erkundigt, ob es auch Pizza Hawaii gibt. Die Bedienung war erzürnt: Natürlich gibt es die hier nicht!
Super Parkwunder – dümmer geht es kaum
Der Nachbar ist besessen vom Parkverhalten anderer. In der Straße ist es eng, Parkplätze sind deshalb Mangelware. Wer schlecht parkt, der vergeudet wertvollen Platz – meint der Nachbar. Wir sind auch mit dem Auto angereist, weil uns die Bahn im Stich gelassen hat: «Fahrt entfällt». Der Nachbar findet, dass unser Auto doch etwas anders stehen sollte; schräger. Er erklärt, wie er das machen würde. Wir machen es so und der Nachbar ist geradezu begeistert. Es können an diesem Abend also fünf Autos vor den Häusern parken. So wünscht es sich der Nachbar täglich. Ich möchte echt kein Auto besitzen.
Als an einem anderen Tag ein Fiat 500 nicht optimal vor den Häusern parkte, gestaltete der Nachbar ein Schild und klemmte es hinter den Scheibenwischer. Darauf stand: «Super Parkwunder – dümmer geht es kaum!» Die Pappe fiel jedoch zu Boden. Die Fiat-Fahrerin hat es nie gelesen.
Ein Jahr, das sich nach wenigen Monaten anfühlte, ist vorbei. Das erste Krippenjahr ist geschafft – dabei war eben noch der erste Tag. Einige Kinder wurden nun verabschiedet, auch Eltern gehen und Ämter wechseln. In unserer Elterninitiative gab es viele Höhen und Tiefen, seltsame Dramen und bedauerliche Kündigungen. Eine interessante Erfahrung war das, doch einiges hätte nicht sein müssen. Immerhin verlief die Eingewöhnung vor einem Jahr nahezu perfekt, und dem lieben Sohn gefällt es weiterhin hervorragend in der Kita. Am Ende geht es nur darum. Jetzt folgt – nach einer Sommerpause – das zweite Jahr. Für uns auch schon: das letzte Krippenjahr. Danach geht es für den lieben Sohn weiter in den «richtigen» Kindergarten. Hoffentlich ohne Dramen.
Würden wir ein Auto besitzen, wären wir in den Pkw gestiegen und hätten anderthalb Stunden später unser Ziel erreicht. Aber wir haben gar kein Auto. Also ließen wir uns zuerst nach A. chauffieren, denn es fuhr kein ICE von B. und von D. ohnehin nicht. Also verbrachten wir 30 Minuten in einem Auto und dann weitere 100 Minuten in der S-Bahn. Wir stiegen an der zweiten Haltestelle ein, die der Zug ansteuerte und er war bereits erstaunlich voll. Wir quetschen uns mit dem Sohn auf zwei Sitze im 4er; uns gegenüber sitzt ein Paar, das still leidet. Gemeinsam schauen sie auf dem Smartphone des Mannes einen Film. Dann schläft er ein und sie starrt aus dem Fenster. Der Sohn kann sich immerhin an seinem Sticker-Heft erfreuen. Die S-Bahn juckelt durch das Land. Schön ist es, das schon. Die Wiesen, die Wälder, die Hügel. Würden wir ein Auto besitzen, würden wir vielleicht im Stau stehen.
Samstag. Erst mal zu Kafka & Co., ein Buch kaufen: «Air» von C. Kracht. Keine Ahnung, ob das gut ist, aber ich mochte die anderen Werke von Kracht. Und: Ich hatte noch einen Gutschein, deshalb war das Buch quasi gratis. Danach etwas essen und noch ins Halbstark, Flat White trinken – richtig gut! Da sitzen junge Leute, die schlau sind und Reclam-Bücher lesen und Anmerkungen hineinschreiben. Die zwischendurch laut «weird» rufen. So weird alles.
Ich bezahle wie ein Boomer «mit Karte», also mit einem Stück Plastik, weil ich zu faul bin, das am Handy einzurichten. Muss ich aber dringend mal machen, ich möchte doch cool sein. Cool bleiben, cool werden. Mit den geliehenen E-Bikes wieder wegfahren, aus der Stadt raus, hinein ins Wohngebiet. Hier in Detmold haben sie alle diese Boomer-E-Bikes, die mit den fetten Akkus und ohne das Rohr oben. Nett ist es hier.
An der Kasse steht eine Frau und daddelt am Handy herum. Auf dem Kassenband liegen ein paar Sachen von ihr, sie hat keinen Warentrenner platziert – das hole ich nach und räume meinen Warenkorb aus, lege die Waren aufs Band, den schweren Kram zuerst. Weil ich– «Hey! Ich war noch gar nicht fertig!», nölt die Frau plötzlich.
Hektisch schleudert sie dies und das aufs Band. Viel ist es nicht. Die Frau erklärt, dass sie schon mal die App öffnen wollte. Aber die App wollte nicht. Ich heuchle Verständnis. Vorn kassiert der junge Kassierer in Windeseile. Ein Mann stört den Ablauf, er grummelt von der Seite, dass die Flasche nicht geht. Häh? «Der Pfandautomat nimmt die nicht», erklärt er. Der Kassierer sagt ungefähr, dass es ihm egal ist. Die Frau vor mir ist dran. Sie öffnet ihre Tasche, damit der Kassierer hineinschauen kann. Wie devot. Würde ich nie unverlangt machen – dann sieht er ja das Diebesgut! (Scherz.) Die Frau zahlt bar. Knallt dem Knilch die Münzen hin.
WEITERLESEN